Le String’Blö
Lino Blöchlinger, Alto- und Basssax, Komposition
Sebastian Strinning, Tenorsax, Komposition
Roberto Domeniconi, Fender Rhodes
Urban Lienert, E-Bass
Reto Eisenring, Schlagzeug
Albumrelease: Panda Bounce 2024
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REZENSIONEN
Bad Alchemy 2024 zum neuen Album Panda Bounce:
Le String’Blö Panda Bounce (veto-records 024, digital): Lino Blöchlinger und Sebastian Strinning, mit ihren Reeds der Ausgangspunkt des 2016 formierten Quintetts mit Roberto Domeniconi – Keys, Urban Lienert – Bass und Reto Eisenring – Drums, senden da weitgehend tierische Lebenszeichen. Mit nämlich noch ’nem Dampfesel (‚Steam Donkey‘) und ’nem japanischen Zimmertiger (‚Kami’s Katze‘). Dazu ist ‚Zombie in a Shell‘ womöglich ein Fall für die Kryptozoologie. Ob der titelgebende Auftakt in seiner blasmusikalischen Süffisanz den Chinatrip des dort Pandas knutschenden CSU-Chefs bespöttelt? Egal, die Hauptrollen spielen hier Blöchlingers brummiges Basssax, ein dröhnendes Keyboard und eine tänzerische Choreographie mit knarrigem Staccato. Auch der Esel ist ein großer Tänzer in simplen, synkopischen und zackigen Schrittfolgen mit knarrig rhythmisierten Tieftönen und Strinnings tenoristischem Wirbeln und Schreien. Auf halber Strecke wechselt das zu Spitzentänzelei auf Einhornhufen, während die Bläser sich schmusend umschlängeln und dann mit Staccato und zügigen Schritten zur Futterkrippe streben. Selbst der Zombie hat synkopierte Rhythmik im kalten Blut, das Basssax brummsummt und schlenkert seine Knochen, und behonkt und beröhrt dann, teils unisono mit dem Tenorsax, hymnisch den Kniebrechgroove. Abgefedert ist das mit ‚Yummy Chummy‘ und ‚Quadriga‘. Und mir tollen und hulken dabei, statt Kuschelbären mit traurigen Triefaugen, doch eher blasmusik-gewuppte, doppelzentnerschwere Steintrolls über den Dancefloor unter meiner Schädeldecke. [BA 123 rbd]
Review von Nico Hirzel, Panda Bounce 2024:
Der Zug fährt mit einem metallisch-perkussiven Stampfen aus der Station, vorneweg die zischende Dampflokomotive und im Führerstand der titelgebende Panda, trötend wie ein altes Schiffshorn. Dahinter die nimmermüde Maschine mit schwingenden Kolben und glühendem Antrieb. Aber Kohle wird hier nicht verbrannt, vielmehr der lange Atem der beiden Punk-Jazzer Lino Blöchlinger und Sebastian Strinning. Volle Kraft voraus: Das ist Panda Bounce, das neue Album von Le String Blö. Diese Musik kennt keine Kompromisse: Sie packt einen am Kragen und ab aufs Förderband, hinein in die hypnotische Produktionshalle der ungeschliffenen Töne.
Dies ist eine Musik, deren Kraft aus Kraft dem Untergrund heraufscheppert, die nach Motorenöl riecht und sich dennoch mit Leichtigkeit in die Lüfte erhebt. Jean Tinguely würde gerne daran herumbasteln und Bernhard Luginbühl würde sie anzünden. Welche Freude solch ein archaischanaloges Hörerlebnis macht, wird umso deutlicher, wenn man die digitale Oberflächlichkeit der geschrubbten Decks der Neuzeit als Kontrast herbeizieht: Die Kantenlosigkeit der einkaufswütigen Zalando-Jünger. Black Friday hat endlich seinen wahren Soundtrack!, möchte man rufen. Oder: Zur Hölle mit den Sonderrabatten, hier gehts endlich wieder mal ums Ganze!
Panda Bounce, das ist die brodelnde Ursuppe unter den Wegwerf-Sneakers des zu Tode gesättigten Homo Netflix. Selig sind die, die nicht hinhören. Alle andern kriegen eins auf die Ohren. Es kracht, es bounct, es klirrt, und zwischendurch legen sich sehnsüchtige Melodiefragmente wie goldener Glanz über die rätselhaften Konturen dieses wummernden Industrieparks. Durchatmen. Der Zug hält. Sonnenuntergang.
Durchaus gibt es Momente, die weniger zwingend sind als andere. Doch immer wenn es scheint, dass die Maschinen unter der geballten Ladung aufgetürmter Tonkaskaden ein wenig zu ächzen beginnen, legt sich bald wieder ein eleganter Schalter um. Goethes Zauberlehrling schafft es, die Besen wieder einzukriegen. Oder wenn das Fender Rhodes sich ein wenig zu behaglich im Hintergrund einzunisten beginnt, bringt eine aufbäumende Verzerrung die Sache wieder ins Lot und klingt dann tatsächlich wie die E-Gitarre, die man sich zuvor noch heimlich gewünscht hat. Die Ecken und Kanten, die andernorts mit chirurgischer Präzision aus der Musik herausgeschnitten werden: Hier sind sie geballt, hier versammeln sie sich zum Cypher, in deren Mitte der Panda trötet.
Und wenn man schon meint, alles gehört zu haben, klingt das Rhodes am Ende noch wie ein altes Internet-Modem. Wir erinnern uns glücklich an die Zeiten, in denen wir die Telefonleitung freigeben mussten, als wir ins Internet wollten. Panda Bounce: Ist das noch moderne Musik oder schon der finale Soundtrack des Homo Industrialis? Vielleicht weder noch: Es ist der Sound künftiger aus den schmelzenden Gletschern aufgetauter Wohlstandsmumien. Ötzi lebt!









Vital Weekly Nr. 1135
Le String Blö is a fresh young unit from Switzerland of Lino Blöchlinger (reeds), Sebastian Strinning (reeds), Roberto Domeniconi (piano), Urban Lienert (bass) and Reto Eisenring (drums). Sebastian Strinning and Lino Blöchlinger knew one other from the Hochschule Musik in Lucerne and started their duo-collaboration 2015. In 2016 they became a quintet in order to be able to realise more of their musical ideas and plans. So far they toured Switzerland only and played for example at the famous Willisau Jazz Festival. Now they make their debut on the Lucerne-based label Veto Records, run by Christoph Erb. Recordings took place in a studio in Obernau on June 1st and 2nd. Their solid and transparent constructions lean strongly on melodic and rhythmic aspects. And of course, there is room for improvisation and solos. The opening track ‚March for nature‘ starts with distorted noise by the Fender before jumpy reeds bring some order. They exercise a fusion of avant rock and jazz. Their performance is very tight and spirited, taking every curve with maximum speed and energy. From a compositional point of view maybe not very renewing but they do their job absolute very convincingly. ‚Bonobo’ starts with a drum solo and is a long intro before a melodic theme is introduced by the reeds and fender. ‘Peacock‘ takes a very different starting point with airy abstract lines played by the blowers. Gradually their playing becomes more and more intertwined and empowered, and finally, fender and drums join the party. All in all, this is a very enthusiastic quintet. Must be a pleasure to see them live. (DM)
Bad Alchemy – Rigobert Dittmann
Mehr Blö als String, denn Saiten hat allein der E-Bass von Urban Lienert, Reto Eisenring trommelt und Roberto Domeniconi, bekannt als nachteuliger Pianist an der Seite von Markus Eichenberger, spielt Fender Rhodes. Die Fäden allerdings, die ziehen Lino Blöchlinger an Alto- & Baritonsax und Sebastian Strinning an Tenorsax & Bassklarinette. Letzter als 1/4 von Anemochore und mit einer Solohörprobe auf Wide Ear ist über Grosser Bär mit Domeniconi vertraut, in Urs Blöchlinger Revisited schon mit Lino verbandelt und im Fischermanns Orchestra auch noch mit Lienert und Eisenring. Simpler freilich steht String für Strinning und Blö für den Sohn des unvergessenen Urs Blöchlinger (1954-1995), der nicht ungern den ‚Telemachus‘ und ‚Phoenix‘ zu spielen scheint, auch wenn er mit Jg. 1988 mit vertiefter ‚Skeps‘ dem kollekdoofen Kutteldaddeldu die Stirn bietet. Dennoch verblüfft der harsche Noisecore-Einstieg, aus dem die Bläser mit Gießkannenstakkato hervorzucken und als krähende Fanfaren den Bass-Fender-Krach als Sprungfedern nutzen. Schnittige Verve und knurriger Sound gehen ein rasantes Zweckbündnis ein, auch wenn Domeniconi die panische Eilmeldung morsen muss, dass wieder mal ein Eisberg gerempelt wurde. Mit dem ‚Bonobo‘ auf Neuanfang, und alles wird besser? Sex und Intelligenz statt Raffgier und Panik auf der Titanic? Zum Kirren. Oder sollen wir doch ein neues Affentänzchen wagen zu Eisenrings furiosem Solo? Die Schweizer als halbe Afrikaner, ein Kapitel für sich, aber durch die kochende Betriebstemperatur und das groovige Temperament hier bestätigt. ‚Peacock‘ wird danach aus gepresster Unscheinbarkeit zu auftrumpfender Farbenpracht entfaltet. Und Blö und String blasen gleich weiter in die Glut unter den feuervogeligen Ärschen, bevor sich die Fender elegisch-telemach zu knurschigem Vinyl hinzu tastet – Söhne und verschwundene Väter. Neben durch zuviel Alpha drohendem evolutionärem Omega. ‚Skeps‘ lässt einen dazu baritonknurrig, aber heftig beklackert und feurig aufbegehrend im Dunkeln tappen. Mit soviel Energie, dass sich eine Marschrichtung von alleine findet. [BA 102 rbd]
Kulturni Magazin Uni (CZ) – Z.K. Slabý (Uebersetzung aus dem Tschechischen)
Dass Swiss Veto Records Kompromisse ablehnt, ist allgemein bekannt. So ist es nicht verwunderlich, dass das neueste Album March for Nature, aufgenommen am 1. und 2. Juni 2018 in der Soundfarm Obernau, intensiv, energiegeladen und konzentriert ist. Hinter dem Namen des Quintetts Le String’Blö verbergen sich zwei bekannte Solisten, der Tenorsaxophonist und Bassklarinettist Sebastian Strinning (ursprünglich aus Schweden, 1985, wohnhaft in Luzern) und der Altsaxophonist und Basssaxophonist Lino Blöchlinger (geboren in Lenzburg, 1988, wohnhaft in Winterthur), die sich an der Musikschule Luzern kennengelernt haben, fanden 2016 als Duo zusammen, das sich zur aktuellen Formation erweiterte. In dieser sind mit dem Pianisten Roberto Domeniconi, dem Bassisten Urban Lienert und dem Perkussionisten Reto Eisenring jüngere Mitspieler vertreten. Ihre sieben Streifzüge auf der Platte versetzen das Überwältigende (meist) und gelegentlich (manchmal) Wilde in ein überdrehtes Aufbrausen, ja in eine Aushöhlung, erschüttert in eine blitzschnelle Flucht. Die freudlose Hurra-Propaganda verwandelt sich prochaotisch ins Galoppieren, sie ist mal quietschsauber und gequetscht, dann wieder hartnäckig ruppig, aber wenn die Saxofone zu Wort kommen (und das geschieht mit schöner Regelmäßigkeit), haben sie sich immer etwas zu sagen, ausladend und lustvoll, zum korkenziehenden Kopf-an-Kopf des Schlagzeugs. Der Aktionsradius eines jeden Stücks verdichtet sich, die Musiker kommen immer wieder in Fahrt, die Saxophone geraten in Opposition, aber die aufgerichtete Schärfe dezimiert sich mit der Zeit und wird vertraut. Doch die unverwässerte Ordnung kehrt unweigerlich zurück, sie wird entfesselt, sie gruppiert sich, vervielfältigt sich, wird gebändigt und traurig ertragen, aber auch übermütig ausgelöscht, schaut zurück und schaut zurück. Nichts aber währt lange: Ein solcher Telemachus zum Beispiel dissimuliert vorschnell in ein inbrünstiges Kreischen, die verstreuten und sogleich wieder verzerrten Skeps schillern von rasender Verdrängung ins Burleske, bevor sie in ein vollmundiges Gefiedel (sogar mit Schluss) münden. Ganz einfach, die Musiker halten keinen Moment inne, sondern steigern ihre Durchbruchsenergie und lassen den Hörer nicht aufatmen. Wir sind froh, mit ihnen zu jamen.
Jazz ’n‘ more – Pirmin Bossart
Die beiden Saxophonisten Lino Blöchlinger (as, bs) und Sebastian Strinning (ts, bcl) haben ihre Band Le String’ Blö mit Fender Rhodes und einer neuen Rhythm-Section aufgepeppt. Ihr Debutalbum «March For Nature» klingt schön heftig und strukturiert.In Willisau hatten sie 2017 das Festival eröffnet, damals noch mit Christian Weber am Bass, Emanuel Künzi am Schlagzeug und Roberto Domeniconi am Piano. Inzwischen spielt Domeniconi ausschliesslich Fender Rhodes und ist die Rhythm-Section neu mit Urban Lienert und Reto Eisenring besetzt. Das macht das Klangbild wuchtiger und rockiger, ohne die feurig freien Jazz-Linien zu opfern, mit denen das Bläser-Duo dem Sound immer wieder den Stempel aufdrückt. Das knochig Gerüttelte und strukturell Pointierte erinnert stärker an gewisse Phasen von King Crimson als an die herkömmliche Improvisationskultur einer freien Jazzband. Gleichzeitig weiss Le String’ Blö aber auch subtilere Klangbilder zu integrieren, die den Hauruck der Impulsivität in ein differenziertes Soundgewand kleiden. Dazu kommt die schwebende Klanglichkeit des Fender Rhodes, das oft mit Verzerrer gefüttert wird oder mit Effekten für elektronische Noises sorgt. «Wir sind lauter geworden und irgendwie auch wuchtiger», sagt Sebastian Strinning, der zusammen mit Lino Blöchlinger die Stücke schreibt. «Es ist nicht mehr ganz offen, die Improvisationen haben einen stärkeren Bezug zu den Themen.» Diese griffigen Motiv-Blöcke fokussieren den Sound, aber geben handkehrum Freiraum, immer wieder abzuheben. Dabei lassen die beiden Bläser-«maniacs» keine Wünsche offen. Sie umgarnen und duellieren sich, blasen sich frei oder spannen zusammen. Die Kombination von Tenorsaxophon und Bass-Saxophon erzeugt ein mächtiges Volumen, das auch dadurch zustande kommt, «weil beide Instrumente in B gestimmt sind und ähnliche Obertonstrukturen haben». Das führt im Unisono-Spiel zu reizvollen Verschmelzungen, und manchmal sind daran gleichzeitig auch Fender Rhodes und Bass beteiligt. Strinning, dessen zupackendes Spiel manchmal an die Energie des Free Jazz erinnert, schätzt diese Free Blow-Dekade, ist sich aber bewusst, dass er mit anderen Einflüssen aufgewachsen ist, die bei ihm stärker durchdrücken. Dazu gehören neben King Crimson auch ältere Hip Hop Acts oder experimentierfreudige Indie-Rock-Bands wie Deerhoof. Im Jazzbereich liebt er Anthony Braxton, Tim Berne, Julius Hemphill und das Art Ensemble of Chicago. Gleichzeitig hat er ein Ohr für zeitgenössische Musik, wo er immer wieder spannende Ansätze entdeckt. Im März ist Strinning von einem viermonatigen Atelier-Aufenthalt in Chicago zurückgekehrt. «Ich hatte endlich wieder viel Zeit zum Üben und Schreiben. Auch habe ich viel in Clubs gespielt und Konzerte besucht.» Aufgefallen ist ihm, dass die Segregation weiss/schwarz in Chicago noch immer sehr spürbar ist, auch in der Free Jazz Szene. «Weisse und Schwarze spielen schon zusammen, aber es ist einfach nicht so durchlässig, wie es sein könnte.» Nach ihrer Release-Tour in der Schweiz, die im Mai über die Bühnen ging, möchte Le String’ Blö nun auch für Festivals und für Gigs im benachbarten Ausland die Fühler ausstrecken. Die Band ist gut aufgestellt, die einzelnen Mitglieder kennen sich aus unterschiedlichen musikalischen Situationen. Strinning, Blöchlinger, Lienert und Eisenring spielen im Fischermanns Orchester. Zudem sind die beiden Bläser auch Mitglieder der Grossformation «Der Grosse Bär», die von ihrem Fender Rhodes-Groover Roberto Domeniconi geleitet wird.
freiStil (Aut)
Le String’Blö ist nicht einfach ein Quintett, sondern eigentlich vielmehr das avancierte elektrische Piano-Trio von Roberto Domeniconi, Urban Lienert und Reto Eisenring, das auf die holzbläserischen und kompositorischen Talente von Lino Blöchlinger und Sebastian Strinning trifft. Wie so oft im heute zeitgenössischen Jazz ist das Verhältnis von Komponiertem zu Improvisiertem auch das zentrale Thema von March for Nature. Dieses Spannungsfeld wird hier mit besonderem Elan angegangen. Blöchlingers und Strinnings Kompositionen können schon recht komplex sein, die Improvisationen bewegen sich gern in freien bis sogar sehr freien Regionen, sind aber stets mit dem komponierten Material verbunden. Es geht also mehr um eine Verzahnung und weniger um eine Gegenüberstellung dieser beiden musikalischen Bereiche. Dieser Ansatz geht dann auch gut auf; sowohl die beiden Bläser, als auch Domeniconi am Fender Rhodes und Schlagzeuger Eisenring gefallen als überzeugende und energetische Solisten. Urban Lienert setzt mit seinem durch Präparationen und Elektronik erweiterten E-Bassspiel zusätzliche klangliche Akzente. Überhaupt schreckt man vor dem Einbau elektronischer Elemente nicht zurück. Die Band wartet hier nicht mit atemberaubenden Neuheiten oder musikalischen Umstürzen auf, legt aber ein vitales, energisch vorgebrachtes Beispiel für Musizieren in einem gegenwärtigen Jazzkontext vor. (bertl)
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